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Episode: Expl0641: Weinmedizin
Podcast: Der Explikator
Veröffentlicht: vor 19 Tagen, am 02.05.2017 um 22:01
Dateigröße: 15,24 MB
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Beschreibung:

Heute widmet sich Ellen in ihrer zweiten Folge einem ihrer Herzthemen. Dem Rotwein. Und, weil es um Geschichte geht, erklärt, warum dieser über Jahrtausende das Medikament der Wahl war. Ich wünsche viel Spaß und: Prost!


Download der Episode hier.
Opener: ?Should You Drink a Bottle of Wine a Day?? von Seeker
Closer: ?Family Guy – “I’m not drunk…”? von Cutaway Guy
Musik: ?Everybody Wants To Drink The Wine (2016)? von LIBERTALIA! / CC BY-NC-SA 3.0


(hickst) Prost! Ich habe hier ein Gläschen Rioja vor mir. Denn: Wer Wein trinkt, der lebt länger! Tja, so weiß man seit den 90er Jahren. In der bekannten amerikanischen Fernsehsendung ?60 Minutes? hatte 1991 ein französischer Arzt, Dr. Serge Renaud, seine Untersuchungen vorgestellt: Eine Massen Studie an mehr als 36.000 gesunden Männern. Ziel war es, den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Sterblichkeit zu untersuchen.

Seine Erkenntnisse waren verblüffend: Bei einem täglichen Alkoholkonsum von 30 bis 50 Gramm (das entspricht etwa zwei Gläsern Wein) lag das Risiko für tödlich verlaufende Herzerkrankungen gegenüber denen, die komplett abstinent lebten um rund 50 Prozent (!) ? hallo 50 % !!! ? niedriger. Das klingt heute noch unglaublich.
Doch das Wein sogar als Medizin Einsatz fand, das wußte man schon viel viel früher.
Bereits vor 8000 Jahren wurde Wein gekeltert, wahrscheinlich im südlichen Kaukasus.
Wein als Heilmittel ist also wahrscheinlich so alt wie die Medizin selber. Denn Alkohol ist auch ein hervorragendes Lösungsmittel. Was immer an heilsamen Pflanzen, Kräutern oder sonstigen Mitteln entdeckt wurde ? es kam stets auch darauf an, diese Substanzen dem Körper in geeigneter Weise zuzuführen. Und dafür gab der Wein die ideale pharmakologische Grundlage. In ihm lassen sich wirksame Substanzen hervorragend auflösen, auch die Haltbarmachung der gelösten Stoffe gelang problemlos. Es dauerte nicht lange, bis der Wein vom einfachen Lösungsmittel zum Heilmittel schlechthin aufstieg.
Eines der ältesten entsprechenden Dokumente darüber stammt aus der Zeit der Sumerer, um 2200 vor Christus: Auf einer Tontafel hat ein Arzt ein Rezept notiert, das Wein enthält.
Der Erste, der Wein in seiner reinen Form in die Medizin einführte, war der Urvater aller Ärzte, Hippokrates von Kos (um 460-370 v. Chr.). Er empfahl die Arzneigabe von Wein als Beruhigungs- und Schlafmittel, als Schmerzmedikation, zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vor allem als Stärkungsmittel für Genesende.
Auch die alten Ägypter behandelten Kranke mit Wein, etwa bei Rheuma oder Wunden.
In den beiden ersten Jahrhunderten n.Chr. machten die Römer dann den Wein zu einem Massenartikel, das von allen und jedermann konsumiert werden durfte und auch sollte. So wurde sehr darauf geachtet das sich jeder den tägliche Weinkonsum von schätzungsweise 1,6 Liter pro Kopf leisten konnte, Frauen und Sklaven nicht ausgenommen. Der römische Arzt Galenus (etwa 129 bis 199 nach Christus) schätzte Wein (16-18% Alkohol) vor allem als Antiseptikum bei Hautentzündungen, aller Art von Wunden oder Verbrennungen.
Besonders geschätzt in der Medizin waren dabei Gewürz- oder Honigweine.
Wie z.B. Anis, Dill, Fenchel, Lorbeer, Minze, Pistazien und Wacholder. Aber auch sogenannter Meerzwiebelwein kam gegen chronischen Husten zum Einsatz.
Der als besonders als gesundheitsfördernd mulsum also Honigwein wurde täglich als Aperitif gereicht. Als Kaiser Augustus einen gewissen Romilius Pollio, der 100 Jahre alt geworden war, zu einer Privataudienz einlud, fragte er ihn, wem er wohl seine körperliche und geistige Agilität verdanke. Pollio antwortete: “Innen dem mulsum und aussen dem Öl.”
Die ganz große Zeit der Weintherapie begann im Mittelalter. In den damaligen Krankenhäusern und Spitälern bekamen die Patienten den Wein literweise zugeteilt. Und diese Praxis blieb so auch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestehen. So ist z.B. aus dem Städtchen Beaune in französischen Burgund ein mittelalterlicher Erlass bekannt, nach dem jedem Kranken täglich sieben Liter Wein zustanden. (hickst) ?Schmerzmittel? Wer braucht schon Schmerzmittel?
Der Weinarzt Ferdinand von Heuss (1848 bis 1924) so nannte er sich selbst, war nicht nur praktizierender Arzt, sondern außerdem Winzer und betrieb, am Rhein in der Nähe von Mainz “ein florierendes Weingut”. Mit Wein heilte er zum Beispiel eine Winzersgattin, die so stark an einer “septischen Gebärmutterentzündung” erkrankt war, dass die Ärzte-Kollegen sie schon aufgegeben hatten.
Sechs Wochen lang bekam nun die Patientin insgesamt 120 Flaschen natürlich von des Weinartztes eigenen Tropfen, nach Jahrgängen genau verzeichnet. Und, die Weinkur war ein Erfolg und die hoffnungslose Patientin geheilt.
In dieser Art verordnete man Wein-Rezepte für alle erdenklichen Krankheiten und Störungen, von Obstipation und Fieber bis hin zu Gedächtnisproblemen. (hickst) ?Wo ist mein Korkenzieher, verdammt??
Diese lebenserhaltenden und der Gesundheit nachweislich dienenden medizinische Weine gab es auf ärztliches Rezept, das in jeder Apotheke eingelöst werden konnte. Noch 1892, wandte sich die Ortskrankenkasse Heidelberg an den Schwetzinger Hofapotheker mit der Bitte: Er möge doch ein Depot anlegen für die Abgabe von Weiß- und Rotwein an die erkrankten Kassenmitglieder.
Ende der achtziger Jahre des 20ten Jahrhunderts sorgte dann das so genannte ?französische Paradoxon? für Aufsehen. Die Tatsache, dass Südfranzosen deutlich weniger Herzinfarkte erleiden als Briten oder Amerikaner, und das, obwohl sie genauso viel rauchen und ebenso viel Fett konsumieren wie jene, hatte die Bevölkerungswissenschaftler aufhorchen lassen. Und recht schnell war auch die Ursache für diese unlogisch erscheinenden Umstände gefunden.

Der hohe Rotweinkonsum ?so erklärten die Wissenschaftler ? schütze die Franzosen und zwar nicht nur vor dem Herzinfarkt. Eine detailliertere Studie bewies, dass der Rotwein bzw. die darin enthaltenen Phenole zur Senkung der schädlichen Blutfette beitragen. Sie wirken als Antioxidanzien und damit vorbeugend gegen Arterienverkalkung. Sie sind wesentlich mit der Erweiterung der Gefäße verbunden und mit einer damit verbundenen geringen Senkung des Blutdrucks. Und mit dem Senken das Thrombose-Risiko durch die Reduzierung der Blutgerinnung. Das dient damit der Verhinderung von Infarkten und Schlaganfällen.
Aber auch gegen die gefürchtete Osteoporose ist der im Wein enthaltene Alkohol ein probates Mittel zur Vorbeugung. Durch moderaten Konsum begünstigt er den Hormonhaushalt und verlangsamt die vor allem bei Frauen gefürchtete Entkalkung der Knochen. Er animiert zudem die Schilddrüse und mit seiner durchblutungsfördernden Wirkung sogar die Hirntätigkeit, regt die Produktion von Magensäure und damit die Darmbewegungen an. Wein, auch das ist eine wissenschaftliche Tatsache, schützt mit seiner antioxidativen Wirkung nicht zuletzt vor Tumoren und damit vor Krebs.
Die Forschungsergebnisse von Professor Renaud Lyon, von 1998 an 34.000 Franzosen belegen, dass regelmäßiger, aber moderater Rotweingenuss das Sterberisiko an Herz-Kreislauferkrankungen oder Krebs signifikant verringert.
Alkoholkonsum als aktive Gesundheitsvorsorge!? Wie geil is das denn!!!
Moderater Alkoholkonsum, ja. Denn leider leider, mehr ist eben nicht gleich besser!
Es ist falsch anzunehmen, dass mehr Weinkonsum die positiven Wirkungen noch weiter steigern kann. Geht man über ein Limit von maximal zwei Glas am Tag hinaus, überwiegen deutlich die Nebenwirkungen. Die Gefahr steigt, an Hepatitis, Fettleber oder Leberzirrhose zu erkranken. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht sich und ein Schlaganfall wird mit übermäßigem Weinkonsum wahrscheinlicher.

Hormonhaushalt und Nervensystem werden gestört, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse sind möglich, und durch die vom unkontrolliertem Alkoholgenuss gebremste Harnsäureausschüttung steigert das Gicht-Risiko.

Tja was nun? Was tun? Weiter trinken, wenn ja wieviel?

Sicherlich kein falscher Rat ist folgender:
Essen Sie einfach Weintrauben, liebe Hörende ? und zwar mit möglichst dicker Schale! Denn da sind all’ die tollen Inhaltsstoffe, die dem Körper die beschriebenen Wunderdinge angedeihen lassen, auch drin! In höherer Konzentration und ohne Alkohol.

Lassen Sie die kernlosen süßen und dünnhäutigen Modefrüchte im Supermarkt liegen und knabbern mit den Polyphenol-Kernen gleich noch Spurenelemente wie Zink und Mangan und Selen mit, damit Ihr Körper seine helle Freude daran haben kann. Und hinterher freut sich die Waage auch noch ganz von selbst, denn 100 Gramm Trauben haben gerade 60 Kalorien.

(hickst) Tscha, schade um den Rioja…

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