Episode: Grob zarte Liederlichkeiten
Podcast: oegyr.podspot.de
Veröffentlicht: vor 6 Jahren, am 12.04.2006 um 02:17
Dateigröße: 5.29 MB
Link: Webseite zu dieser Episode
Download: Datei herunterladen
Beschreibung: Mike Godyla und sein Dottore klampften liederlich in der Schaubude. Kiel ? Schaubude, 22 Uhr 15, gähnende Leere. Mike Godyla greift dennoch zum Gitarren-Bass und Kollege Stefan Janzik, genannt ?der Doktor? oder auch zärtlicher ?Dottore?, zur Akustischen. Denn dass Kiel nicht gerockt werden will, kümmert das Duo wenig. Sie haben nämlich Geschichten zu erzählen, abstruse, abgefahrene, liederliche Liedermachereien, an die sich weder Reinhard Mey noch Udo Lindenberg herantrauen würden. Mit welchem Namedropping schon mal abgesteckt ist, zwischen welchen Polen Mike pendelt, sozusagen als ?missing Link?, das erst noch entdeckt werden will, nein darf, noch neiner: muss! Liedermaching auf dem Bass ist ungewöhnlich genug, auch wenn Dr. Gitarre es ganz unakademisch in schräge Harmonien hüllt. Was auch ein zunächst schmalstes Publikum ? später scheint der Ruf sich durch Kiel zu verbreiten und die Schaubude füllt sich zusehends und zuhörend ? fasziniert, sind Mikes in ?grob zarte? Lieder, Bänkelsänge und Balladen gegossene Stories. Etwa die von der ?Ratte im Klo?, die erst erschreckt, dann aber zur Hausfreundin wird. Oder ?Die Wette?, die eine faltige Alte mit Krückstock abschließt. Um eine halbe Million hat sie gewettet, dass sie dem Präsi der Deutschen Bank an die Eier fassen wird, wozu sie freilich erstmal mit ein paar Millionen in der Papiertüte bei dem vorstellig werden muss, um mit ihm um 100.000 zu wetten, dass seine Eier morgen eckig sind. Was nicht der Fall ist, die Wette geht verloren, aber um sich davon zu überzeugen, erfolgt der Griff, der sie die andere Wette gewinnen lässt. Wette grob verloren aber andere Wette doch zart geschlaut gewonnen, das gilt auch für Godylas Songs, die auf solchen Abwegen immer voll in der Spur sind ? vom Lied über das erste graue (Scham-) Haar über die zartfühlend klampfig gerockte Ballade vom ?Spinner?, der ein solcher nicht ist, weil er Kaffekannen aus der Klappse befreit, aus der er selbst nicht entrinnen kann, bis zu den Zwillingen ?Eddie und Kurt?, die sich gut genährt von Mutterkuchen und Fruchtwasser fragen: ?Gibt es ein Leben nach der Geburt?? Und dann war da noch Adam, dessen Organe alle so ?Boss sein? wollen wie ihr alttestostironischer Schöpfer, aber nicht können. Am Ende bleibt nur der für alles offene Arsch und die nicht unblasphemische Einsicht ins Alte wie Neue Testament: ?Man muss als Boss nicht schlau sein, man muss nur Arsch genug sein.? Eine solche Überraschung nach der anderen jagt Mike durch seine Lieder, an deren Beginn man noch denkt, ja, so geht Liedermachen, an deren Ende man sich aber grübelnd die Stirn reibt, vom Schmunzeln kurz darunter mal ganz abgesehen. Der Bonner Liedermacher und sein im mal eben Solo-Zwischenspiel munter Kinderlieder durch den Saitenwolf drehender Doktor, füllen eine Liedermacher-Leere, die es noch gar nicht gibt, mit garstigem Liedgut, das seines Gleichen noch nicht gefunden hat, wohl auch nicht finden wird. Außer in der Schaubude, die kurz nach Mitternacht gut gefüllt, mitsingend und ganz wunderlich gerockt ist. Infos und Songs von Mike Godyla unter www.mikegodyla.de.