Vorstellung: frenum temporis -Die Zeitbremse-
frenum temporis -Die Zeitbremse-
All die Dinge die den Zeitverlauf ein wenig einbremsen. Seien es nun Bücher, Filme, tiefgründige Einsichten oder Kamillentee

Einstein hat bekanntlich nachgewiesen, dass Zeit keine absolute Größe ist. Dass man aber zum verlangsamen der Zeit nicht unbedingt Teilchenbeschleuniger, schwarze Löcher oder Raumschiffe mit Warp-Antrieb benötigt, hat Dietmar G. aus Linz in Österreich herausgefunden: Einmal wöchentlich nimmt er sich die Zeit, eine neue Folge von „Frenum Temporis“ zu produzieren und möchte damit laut Selbstbeschreibung die Zeit ein wenig bremsen. Neben Geschichten aus seinem Leben spricht er über Filme, Literatur und erklärt österreichische Begriffe. Und das macht er mit solcher Hingabe und Liebe zum Detail, dass eine 30-Minuten-Folge manchmal kurzweiliger wirkt als so mancher 5-Minuten-Podcast. Wenn man sich dann noch fragt, wie er es schafft, ein komplettes Hörbuch in eine einzige Folge einzubauen, dann wird einem bewusst, dass Zeit in der Tat ziemlich relativ ist. Um auch bei diesem E-Mail-Interview den Faktor Zeit gebührend zu berücksichtigen, hat es sich über mehrere Tage erstreckt.

Dietmar, auch wenn es nicht gerade dein Markenzeichen ist, dich kurz zu fassen, versuch bitte, uns in wenigen Sätzen zu beschreiben, wer du bist und woher du dieses Erzähltalent hast.

Ich bin ein im Jahr der ersten Mondlandung geborener Österreicher, der sich beruflich mit Kindern beschäftigt, nebenbei studiert und sich zusätzlich noch einigen zeitintensiven Hobbys widmet. Zeit ist bei mir also meist Mangelware und aus diesem Grund habe ich mir eine wöchentliche Dosis „frenum temporis“ verschrieben.

Mein „Erzähltalent“ – wenn man es denn als solches bezeichnen möchte, denn meine Freundin würde es wohl eher eine Bürde nennen – verdanke ich wohl meinen Eltern und meiner Großmutter, die sich von Anfang an als geduldige Zuhörer erwiesen. Außerdem wurde mein kindlicher Heißhunger auf Worte stets mit leidenschaftlich vorgelesenen Märchen und Geschichten gestillt. Ich hoffe diese Antwort war knapp genug.

Geduldiges Zuhören ist im Zeitalter der medialen Reizüberflutung ein wenig aus der Mode gekommen. Läuten Podcasting und der wachsende Markt für Hörbücher einen Gegentrend ein?

Nun, da bin ich mir nicht ganz sicher. Zum einen liegt natürlich die Vermutung nahe, dass Hörbücher ein oberflächlicher Ersatz fürs richtige Lesen sind; andererseits liest (oder hört) man ja in Marktforschungsberichten immer wieder, dass sich das Hörbuch und das gedruckte Buch gegenseitig befruchten. Sicher, man hat mit Hörbüchern nun die Möglichkeit Wartezeiten an der Bushaltestelle, die Heimfahrt vom Job oder andere tägliche Leerlaufzeiten mit Literatur zu füllen. Auf der anderen Seite kann es aber auch durchaus sein, dass Literatur dadurch zum schlichten Füllsel verkommt. Schließlich tun wir heutzutage immer mehr Dinge nur nebenbei und nur mehr weniges ausschließlich. Manches davon, das man eher zelebrieren als bloß konsumieren sollte, verliert dadurch womöglich an Bedeutung. Ich selber nehme mich da gar nicht aus. Ich habe lange das Hörbuch als unnötig erachtet – schließlich kann ich ja lesen, sagte ich mir. (Ganz was anders ist das richtige Hörspiel, das meiner Meinung nach eher so was wie ein Film ohne Bild ist.) Mittlerweile höre ich aber aus Zeitmangel ebenso Hörbücher, also Lesungen.

Podcasts sehe ich eher als Gegentrend zum Radio. In Zeiten wo sich kommerzielle Sender eher als Jukebox der Charts verstehen, sich durch nichts mehr von einander unterscheiden und es kaum noch wirklich moderierte Sendungen gibt, scheint es doch wieder Bedarf nach Gesprochenem zu geben.

Wie kamst du auf die Idee, einen Podcast zu starten?

Ich hab letzten Winter einen Fernsehbeitrag zum Thema Podcast gesehen und meine Freundin meinte gleich: „Das könntest du auch machen, damit du weniger mich voll laberst!“ Den Gedanken fand ich gar nicht so abwegig und hab mir erstmal 'ne Menge Podcasts angehört. Ich war mir aber nicht sicher, welche Form von Sendereihe ich selbst wählen sollte, hab lange darüber nachgedacht, nebenbei schon mal die technische Seite abgeklärt und mir ein wenig Equipment besorgt. Als dann aber ein Zirkus in unserer Nähe gastierte und ich zum ersten Mal „das“ schwarze Lamababy sah, wurde mir mit einem mal klar, dass dieses braunäugige Geschöpf der Star meiner ersten Folge von „frenum temporis“ sein musste. Und so hab ich dann einfach angefangen.

Beim Hören von "frenum temporis" habe ich immer das Gefühl, dass die Zeit wie im Flug vergeht. Ist dein Podcast nicht eher ein Zeitbeschleuniger?

Nun, es freut mich, dass du das so siehst. Der Titel der Sendereihe war ja ursprünglich auch eher auf mich selbst bezogen, da ich ja erst selber auf die Zeitbremse treten muss, ehe mir klar wird, was ich in der nächsten Folge erzählen will. Somit wird der Aufnahmetermin, den ich mir fix für Freitagabend vorgeschrieben habe, zur Musestunde in meinem sonst recht hektischen Alltag. Wenn nun jemand tatsächlich auf die Zeitbremse tritt, um sich meine doch recht ausufernden Aufnahmen anzuhören, freut es mich natürlich ganz ungemein, wenn meine „Selbsttherapie gegen die alltägliche Hektik“ auch bei jemand anderem wirkt.

In der Rubrik "Das komplette Hörbuch" parodierst du Literatur-Bestseller. Hast du diese Idee für "frenum temporis" entwickelt oder ist dein Podcast vielleicht auch eine Plattform für ältere Ideen?

Nein, die Idee entstand relativ spontan für Episode 7. Als ich am Nachhauseweg von der Arbeit war, kam mir der Titel „Anna Karenina, das hässlichste Kind der Welt“ in den Sinn. Daheim hab ich dann einfach weiter geblödelt und so entstand das erste komplette Hörbuch.

Aber du hast sicherlich schon vorher Kurzgeschichten oder Satiren verfasst?

Seit meiner Schulzeit eigentlich kaum. Dazu hab ich mich (bis jetzt) viel zu sehr mit meinen anderen Leidenschaften, dem Zeichnen, der Malerei und der Fotografie beschäftigt, als dass ich Zeit zum Schreiben gefunden hätte. (Abgesehen von einem Kinderbuch, das ich vor einiger Zeit geschrieben und illustriert habe, aber da standen auch eher die Bilder im Vordergrund.) Was bisher in die Rubrik „das komplette Hörbuch“ eingeflossen ist, entsprang nicht unbedingt literarischen Ambitionen, sondern ist wirklich nur als Spielerei zu verstehen. Da ich aber in nächster Zeit vorhabe, den Zeichentisch ein wenig verwaisen zu lassen, kann es durchaus sein, dass ich mich dem Schreiben ein wenig mehr widmen werde. Möglicherweise fließen dann auch ernsthaftere Texte in die Zeitbremse ein.

Neben Filmen und Literatur widmest du dich sehr engagiert der Völkerverständigung. Worin besteht für dich der größte Unterschied zwischen Österreichern und Deutschen?

Wirklich schwer zu sagen – wenn ich lange darüber nachdenke fallen mir dutzende Dinge ein, die mir bei näherer Betrachtung doch eher Klischees zu sein scheinen. Einzig dass Deutsche mehr auf die Unterscheidung des dritten und vierten Falles achten als Österreicher, scheint mir eine gesicherte Tatsache zu sein.

Aber gerade Klischees eignen sich doch wunderbar für ein Unterhaltungsformat. Oder steht bei dir die Political Correctness an erster Stelle?

Political Correctness? Nein ganz im Gegenteil! Gerade die Tatsache, dass wir in vielen Bereichen in einer Zeit der Euphemismen und der Schönrederei leben, bringt mich oft in Rage. Ich bin der Frage nicht aus Höflichkeit ausgewichen, sondern weil ich zu ihrer Beantwortung erstmal wissen müsste, was ich mit meinen Landsleuten gemeinsam habe. So aus dem Bauch heraus würde ich meinen, dass viele Österreicher im Gegensatz zu Deutschen einen größeren Hang zur Tiefstapelei aufweisen und außerdem nur zu gerne ihre Hassliebe zu Deutschland pflegen, die wohl daherrührt, dass wir uns eine Sprache und eine braune Vergangenheit teilen.

In Folge 10 gab es einen bilingualen Podcast-Beitrag in 2-Kanal-Ton. Wird dieses Projekt fortgesetzt und mit welchen weiteren ausgefallenen Ideen dürfen deine Hörer in Zukunft rechnen?

Möglich, dass ab und zu mal wieder ein „bilingualer Podcastbeitrag“ in der Zeitbremse zu hören sein wird. Die Dinger sind aber verdammt nervig aufzunehmen, da man als sein eigener Simultandolmetscher fungieren muss. Spielkind wie ich bin, geistern mir noch ein paar andere schräge Ideen im Kopf herum, die sicher mal verwirklicht werden, zur Zeit aber noch zu unausgegoren sind, um mich festzulegen. Insgesamt möchte ich die Zeitbremse aber flexibel halten, das heißt, einige Rubriken werden auslaufen und dafür andere dazukommen. Kann sein, dass da auch noch die eine oder andere technische Spielerei darunter sein wird.

Wenn der Tag zwei Stunden länger dauern würde, was würdest du mit der zusätzlichen Zeit anfangen?

Die Frage ist leicht zu beantworten. Ich würde wohl schlafen. Denn Schlaf krieg ich bei meinem derzeitigen Lebenswandel immer zu wenig.

Dann danke ich dir, dass du dir trotzdem die Zeit für dieses Interview genommen hast!

Veröffentlicht am 13. August 2006 von Ohrenmensch.